Bauen für das nächste Jahrhundert: Ein Gespräch mit Adrian Locher
Bauen für das nächste Jahrhundert: Ein Gespräch mit Adrian Locher
Bauen für das nächste Jahrhundert: Ein Gespräch mit Adrian Locher
Ein Gespräch mit Merantix-Mitgründer Adrian Locher über den Aufbau fokussierter KI-Unternehmen, warum sich Europa selbst ausbremst und die Disziplin, konstruktiv zu scheitern.
Ein Gespräch mit Merantix-Mitgründer Adrian Locher über den Aufbau fokussierter KI-Unternehmen, warum sich Europa selbst ausbremst und die Disziplin, konstruktiv zu scheitern.

Zwei Jahrzehnte des Aufbaus
Adrian Locher bezeichnet sich vor allem als Gestalter und Erbauer. Er begann damit, mit seinem Vater Autos zusammenzubauen, dann Computer, dann Websites, schliesslich Unternehmen. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Jede Phase seiner Karriere folgte demselben Instinkt: Dinge zerlegen, verstehen, wie sie funktionieren, und etwas Neues erschaffen.
Sein erstes echtes Unternehmen war ein Software-Start-up, das er während seiner Zeit an der HSG St. Gallen gründete. Daraus entstand schliesslich DeinDeal, die Schweizer E-Commerce-Plattform, die er 2010 mitbegründete und vor der Übernahme durch Ringier auf über 100 Millionen Franken Umsatz brachte. Nach dem Verkauf gönnte sich Adrian ein Sabbatical mit einer einzigen Regel: Keine geschäftlichen Entscheidungen. Er hatte sich zwölf Monate vorgenommen und schaffte es nach etwa zehn Monaten, das nächste Kapitel aufzuschlagen.
Diese Pause führte schliesslich zur Gründung von Merantix.
Die Weichenstellung im Silicon Valley
Das Sabbatical führte ihn nach San Francisco, wo das Thema KI bereits die Gespräche dominierte, noch bevor es in der Schweiz richtig ankam. Adrian war fasziniert, besuchte Machine-Learning-Kurse an der Stanford University und gelangte zu einer Erkenntnis, die seine Arbeit für das nächste Jahrzehnt prägen sollte.
„Ich dachte und denke immer noch, dass dies die prägende Technologie des Jahrhunderts sein wird, nicht des Jahrzehnts, sondern des Jahrhunderts.“
2016 gründete er Merantix in Berlin, zusammen mit Rasmus, den er zufällig auf einem Flug im Gespräch mit einem Fremden kennengelernt hatte. Heute ist die Plattform ein hybrider KI-Venture-Studio und Investmentfonds mit einem KI-Campus in Berlin, auf dem 1'500 Machine-Learning-Spezialisten arbeiten, einem Partner-Hub in London, einem Beratungszweig und einem Portfolio, das von Diagnostik und Cybersicherheit bis hin zu Materialforschung und industrieller KI reicht.
Teams aufbauen, die unter Druck standhalten
In zwei Jahrzehnten und bei mehr als zehn Unternehmen hat Adrian eine klare Philosophie für die Personalsuche und den Teamaufbau entwickelt. Fachwissen ist wichtig, aber es ist nicht die entscheidende Variable für den Erfolg.
„Die einzige Sache, bei der es keine Vielfalt geben sollte, sind die Werte.“
Sein persönlicher Test ist einfach: Würde er mit dieser Person in den Urlaub fahren? Würde es ihm Spass machen? Wenn die Antwort Nein lautet, wird die Arbeitsbeziehung nicht halten. Die Kunst besteht darin, bei dieser Antwort ehrlich zu sein, besonders unter Zeitdruck bei der Rekrutierung.
Als Adrian und Rasmus entschieden, eine Zusammenarbeit zu prüfen, wendeten sie dasselbe Prinzip an. Sie verbrachten sechs bis acht Monate in einer Phase, die Adrian als „Gründer-Dating“ bezeichnet. Sie arbeiteten ohne feste Verpflichtung an Projekten, entwarfen eine schriftliche Vereinbarung für Eventualitäten und besiegelten die Partnerschaft erst danach formell.
„Man muss mit seinem Mitgründer stressige Situationen durchlebt haben, um zu sehen, wie die Menschen reagieren, und um ihr Verhalten in den eher unbewussten Momenten kennenzulernen.“
Intuition als strategisches Werkzeug
Einer der interessantesten Aspekte des Gesprächs war Adrians Plädoyer für die Intuition. Er sieht sie nicht als Gegenteil von rationalen Entscheidungen, sondern als Ergänzung und möglicherweise als die stärkere der beiden Kräfte.
„Der rationale Teil des Gehirns verarbeitet eigentlich nur kleine Datenmengen. Das, was die Menschen als Bauchgefühl bezeichnen, verarbeitet grosse Datenmengen. Es sagt einem sehr viel, selbst wenn man nicht sofort versteht, warum sich etwas nicht richtig anfühlt.“
Für Adrian hat Intuition nichts mit Mystik zu tun. Sie ist Mustererkennung, die über Jahre hinweg aufgebaut wurde und schneller abläuft, als das bewusste Denken formulieren kann. Die Herausforderung besteht darin, ihr zu vertrauen, ohne die Fakten zu ignorieren, und beide Komponenten zu verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Sein allgemeines Prinzip für Entscheidungen lautet: „Eine Entscheidung zu treffen, ist am Ende immer besser, als keine zu treffen.“
Was ein KI-Unternehmen zukunftssicher macht
Adrians Investitionsthese bei Merantix beruht auf einem bewusst provokanten Ausgangspunkt: Man muss annehmen, dass Technologie zur Standardware wird. Man muss davon ausgehen, dass KI in fünf Jahren billig und überall verfügbar sein wird.
Was macht ein Unternehmen dann noch zukunftssicher?
Für Adrian liegt die Antwort selten in der Technologie selbst. Es ist das zugrunde liegende Geschäftsmodell, Kundenbindungen und die Integration in die Arbeitsabläufe der Kunden. Er nennt das Beispiel Cambrium, ein Portfolio-Unternehmen von Merantix in Berlin, das Biomaterialien mittels maschinellem Lernen und Protein-Engineering herstellt. Was Cambrium zukunftssicher macht, ist nicht die KI-Technologie hinter dem System, auch wenn diese beeindruckend ist. Es ist die Tatsache, dass die produzierten Materialien teilweise zwei-, fünf- oder tausendmal stärker sind als alles, was derzeit auf dem Markt existiert.
„Unsere Kernannahme und Investitionsthese ist immer, dass ein Unternehmen zukunftssicher sein und einen klaren Wettbewerbsvorteil haben muss, selbst wenn diese Spitzentechnologie irgendwann zur Standardware wird.“
Warum sich Europa selbst bremst
Das Gespräch kam unweigerlich auf Europa zurück. Adrians Ansicht ist direkt: Die Talente sind hier. Die Institutionen sind Weltklasse. Das Kapital ist vorhanden, zumindest in der Frühphase. Was fehlt, ist Mut.
„Dass wir nicht mutig genug sind, dass wir nicht bereit sind, Fehler zu machen, und dass wir uns selbst belügen, dass alles glatt laufen wird, das bringt uns in eine sehr gefährliche Position.“
Er argumentiert, dass europäische Institutionen unter der Annahme aufgebaut wurden, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind. Diese Annahme war schon immer falsch, aber in einer Phase des schnellen technologischen Wandels wird sie aktiv gefährlich. Wohlstand wird durch Innovation gesichert, nicht durch das Verwalten des Status quo.
Seine Haltung zur Regulierung folgt derselben Logik: Anwendungen regulieren, nicht die zugrunde liegende Technologie. Man sollte sich auf die Bereiche konzentrieren, in denen Europa bereits stark ist, insbesondere das Gesundheitswesen, die hochentwickelte Fertigung und regulierte Industrien.
Fehler als Fortschritt nutzen
Adrian spricht offen über Misserfolge, was bei Gründern in seiner Position seltener ist, als es sein sollte. Er romantisiert es nicht.
„Es fühlt sich beschissen an. Und das ist okay. Ich werde Scheitern nicht glorifizieren, denn es fühlt sich einfach beschissen an.“
Was er in zwanzig Jahren gelernt hat, ist nicht, dass Scheitern gut ist. Sondern dass die Reaktion darauf der einzige Teil der Gleichung ist, den man voll unter Kontrolle hat. Dinge passieren. Märkte verändern sich. Entscheidungen erweisen sich im Nachhinein als falsch. Die einzige konstante Variable ist, wie man reagiert.
Er erzählte die Geschichte eines frühen MP3-Player-Geschäfts während der Universitätszeit. Das Team hatte die Stückkosten falsch berechnet und monatelang bei jedem Verkauf Geld verloren, ohne es zu merken. Als sie es bemerkten, musste das Unternehmen geschlossen werden. Eine teure Lektion, reale Kosten, aber eine nützliche Erfahrung.
Auf dem Boden bleiben
Für jemanden, der eine Venture-Plattform mit mehreren Initiativen, einem Unternehmensportfolio und eine Familie mit kleinen Kindern managt, ist die Frage, wie man die Balance hält, nicht theoretisch.
Für Adrian gibt es drei Bereiche: Familie und Freunde, das Geschäft und man selbst. Den Bereich für sich selbst hat er früher vernachlässigt. Heute sieht er ihn als Fundament, nicht mehr als Nebensache.
„Ich muss für mich selbst sorgen, bevor ich für andere da sein kann.“
Er vergleicht Gründer mit Sportlern. Es gibt drei Phasen: Training, Wettkampf und Erholung. Jeder gute Sportler weiss, dass das Auslassen einer dieser Phasen unweigerlich zu Leistungseinbussen führt. Die dritte Phase ist diejenige, die die meisten Gründer wegzulassen versuchen.
Der Ratschlag
Adrian hat diese Frage schon oft gehört, und seine Antwort ist immer dieselbe.
„Mach es einfach. Was auch immer du aufbauen möchtest, mach es einfach. Unabhängig davon, ob es scheitert oder nicht: Es wird dir helfen, deinen Weg viel schneller zu finden, als wenn du es nicht tust.“
Der zweite Teil des Rats ist schwieriger: Lerne dich selbst kennen. Verstehe, wofür du brennst, worin du gut bist und wofür du bereit bist, die Arbeit zu investieren. Ohne dieses Fundament ist Spitzenleistung nicht erreichbar. Mit ihm ist fast alles möglich.
Wo man Adrian folgen kann
Sie können Adrian Locher auf LinkedIn folgen oder mehr über Merantix unter merantix.com und merantixcapital.com erfahren.
Zwei Jahrzehnte des Aufbaus
Adrian Locher bezeichnet sich vor allem als Gestalter und Erbauer. Er begann damit, mit seinem Vater Autos zusammenzubauen, dann Computer, dann Websites, schliesslich Unternehmen. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Jede Phase seiner Karriere folgte demselben Instinkt: Dinge zerlegen, verstehen, wie sie funktionieren, und etwas Neues erschaffen.
Sein erstes echtes Unternehmen war ein Software-Start-up, das er während seiner Zeit an der HSG St. Gallen gründete. Daraus entstand schliesslich DeinDeal, die Schweizer E-Commerce-Plattform, die er 2010 mitbegründete und vor der Übernahme durch Ringier auf über 100 Millionen Franken Umsatz brachte. Nach dem Verkauf gönnte sich Adrian ein Sabbatical mit einer einzigen Regel: Keine geschäftlichen Entscheidungen. Er hatte sich zwölf Monate vorgenommen und schaffte es nach etwa zehn Monaten, das nächste Kapitel aufzuschlagen.
Diese Pause führte schliesslich zur Gründung von Merantix.
Die Weichenstellung im Silicon Valley
Das Sabbatical führte ihn nach San Francisco, wo das Thema KI bereits die Gespräche dominierte, noch bevor es in der Schweiz richtig ankam. Adrian war fasziniert, besuchte Machine-Learning-Kurse an der Stanford University und gelangte zu einer Erkenntnis, die seine Arbeit für das nächste Jahrzehnt prägen sollte.
„Ich dachte und denke immer noch, dass dies die prägende Technologie des Jahrhunderts sein wird, nicht des Jahrzehnts, sondern des Jahrhunderts.“
2016 gründete er Merantix in Berlin, zusammen mit Rasmus, den er zufällig auf einem Flug im Gespräch mit einem Fremden kennengelernt hatte. Heute ist die Plattform ein hybrider KI-Venture-Studio und Investmentfonds mit einem KI-Campus in Berlin, auf dem 1'500 Machine-Learning-Spezialisten arbeiten, einem Partner-Hub in London, einem Beratungszweig und einem Portfolio, das von Diagnostik und Cybersicherheit bis hin zu Materialforschung und industrieller KI reicht.
Teams aufbauen, die unter Druck standhalten
In zwei Jahrzehnten und bei mehr als zehn Unternehmen hat Adrian eine klare Philosophie für die Personalsuche und den Teamaufbau entwickelt. Fachwissen ist wichtig, aber es ist nicht die entscheidende Variable für den Erfolg.
„Die einzige Sache, bei der es keine Vielfalt geben sollte, sind die Werte.“
Sein persönlicher Test ist einfach: Würde er mit dieser Person in den Urlaub fahren? Würde es ihm Spass machen? Wenn die Antwort Nein lautet, wird die Arbeitsbeziehung nicht halten. Die Kunst besteht darin, bei dieser Antwort ehrlich zu sein, besonders unter Zeitdruck bei der Rekrutierung.
Als Adrian und Rasmus entschieden, eine Zusammenarbeit zu prüfen, wendeten sie dasselbe Prinzip an. Sie verbrachten sechs bis acht Monate in einer Phase, die Adrian als „Gründer-Dating“ bezeichnet. Sie arbeiteten ohne feste Verpflichtung an Projekten, entwarfen eine schriftliche Vereinbarung für Eventualitäten und besiegelten die Partnerschaft erst danach formell.
„Man muss mit seinem Mitgründer stressige Situationen durchlebt haben, um zu sehen, wie die Menschen reagieren, und um ihr Verhalten in den eher unbewussten Momenten kennenzulernen.“
Intuition als strategisches Werkzeug
Einer der interessantesten Aspekte des Gesprächs war Adrians Plädoyer für die Intuition. Er sieht sie nicht als Gegenteil von rationalen Entscheidungen, sondern als Ergänzung und möglicherweise als die stärkere der beiden Kräfte.
„Der rationale Teil des Gehirns verarbeitet eigentlich nur kleine Datenmengen. Das, was die Menschen als Bauchgefühl bezeichnen, verarbeitet grosse Datenmengen. Es sagt einem sehr viel, selbst wenn man nicht sofort versteht, warum sich etwas nicht richtig anfühlt.“
Für Adrian hat Intuition nichts mit Mystik zu tun. Sie ist Mustererkennung, die über Jahre hinweg aufgebaut wurde und schneller abläuft, als das bewusste Denken formulieren kann. Die Herausforderung besteht darin, ihr zu vertrauen, ohne die Fakten zu ignorieren, und beide Komponenten zu verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Sein allgemeines Prinzip für Entscheidungen lautet: „Eine Entscheidung zu treffen, ist am Ende immer besser, als keine zu treffen.“
Was ein KI-Unternehmen zukunftssicher macht
Adrians Investitionsthese bei Merantix beruht auf einem bewusst provokanten Ausgangspunkt: Man muss annehmen, dass Technologie zur Standardware wird. Man muss davon ausgehen, dass KI in fünf Jahren billig und überall verfügbar sein wird.
Was macht ein Unternehmen dann noch zukunftssicher?
Für Adrian liegt die Antwort selten in der Technologie selbst. Es ist das zugrunde liegende Geschäftsmodell, Kundenbindungen und die Integration in die Arbeitsabläufe der Kunden. Er nennt das Beispiel Cambrium, ein Portfolio-Unternehmen von Merantix in Berlin, das Biomaterialien mittels maschinellem Lernen und Protein-Engineering herstellt. Was Cambrium zukunftssicher macht, ist nicht die KI-Technologie hinter dem System, auch wenn diese beeindruckend ist. Es ist die Tatsache, dass die produzierten Materialien teilweise zwei-, fünf- oder tausendmal stärker sind als alles, was derzeit auf dem Markt existiert.
„Unsere Kernannahme und Investitionsthese ist immer, dass ein Unternehmen zukunftssicher sein und einen klaren Wettbewerbsvorteil haben muss, selbst wenn diese Spitzentechnologie irgendwann zur Standardware wird.“
Warum sich Europa selbst bremst
Das Gespräch kam unweigerlich auf Europa zurück. Adrians Ansicht ist direkt: Die Talente sind hier. Die Institutionen sind Weltklasse. Das Kapital ist vorhanden, zumindest in der Frühphase. Was fehlt, ist Mut.
„Dass wir nicht mutig genug sind, dass wir nicht bereit sind, Fehler zu machen, und dass wir uns selbst belügen, dass alles glatt laufen wird, das bringt uns in eine sehr gefährliche Position.“
Er argumentiert, dass europäische Institutionen unter der Annahme aufgebaut wurden, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind. Diese Annahme war schon immer falsch, aber in einer Phase des schnellen technologischen Wandels wird sie aktiv gefährlich. Wohlstand wird durch Innovation gesichert, nicht durch das Verwalten des Status quo.
Seine Haltung zur Regulierung folgt derselben Logik: Anwendungen regulieren, nicht die zugrunde liegende Technologie. Man sollte sich auf die Bereiche konzentrieren, in denen Europa bereits stark ist, insbesondere das Gesundheitswesen, die hochentwickelte Fertigung und regulierte Industrien.
Fehler als Fortschritt nutzen
Adrian spricht offen über Misserfolge, was bei Gründern in seiner Position seltener ist, als es sein sollte. Er romantisiert es nicht.
„Es fühlt sich beschissen an. Und das ist okay. Ich werde Scheitern nicht glorifizieren, denn es fühlt sich einfach beschissen an.“
Was er in zwanzig Jahren gelernt hat, ist nicht, dass Scheitern gut ist. Sondern dass die Reaktion darauf der einzige Teil der Gleichung ist, den man voll unter Kontrolle hat. Dinge passieren. Märkte verändern sich. Entscheidungen erweisen sich im Nachhinein als falsch. Die einzige konstante Variable ist, wie man reagiert.
Er erzählte die Geschichte eines frühen MP3-Player-Geschäfts während der Universitätszeit. Das Team hatte die Stückkosten falsch berechnet und monatelang bei jedem Verkauf Geld verloren, ohne es zu merken. Als sie es bemerkten, musste das Unternehmen geschlossen werden. Eine teure Lektion, reale Kosten, aber eine nützliche Erfahrung.
Auf dem Boden bleiben
Für jemanden, der eine Venture-Plattform mit mehreren Initiativen, einem Unternehmensportfolio und eine Familie mit kleinen Kindern managt, ist die Frage, wie man die Balance hält, nicht theoretisch.
Für Adrian gibt es drei Bereiche: Familie und Freunde, das Geschäft und man selbst. Den Bereich für sich selbst hat er früher vernachlässigt. Heute sieht er ihn als Fundament, nicht mehr als Nebensache.
„Ich muss für mich selbst sorgen, bevor ich für andere da sein kann.“
Er vergleicht Gründer mit Sportlern. Es gibt drei Phasen: Training, Wettkampf und Erholung. Jeder gute Sportler weiss, dass das Auslassen einer dieser Phasen unweigerlich zu Leistungseinbussen führt. Die dritte Phase ist diejenige, die die meisten Gründer wegzulassen versuchen.
Der Ratschlag
Adrian hat diese Frage schon oft gehört, und seine Antwort ist immer dieselbe.
„Mach es einfach. Was auch immer du aufbauen möchtest, mach es einfach. Unabhängig davon, ob es scheitert oder nicht: Es wird dir helfen, deinen Weg viel schneller zu finden, als wenn du es nicht tust.“
Der zweite Teil des Rats ist schwieriger: Lerne dich selbst kennen. Verstehe, wofür du brennst, worin du gut bist und wofür du bereit bist, die Arbeit zu investieren. Ohne dieses Fundament ist Spitzenleistung nicht erreichbar. Mit ihm ist fast alles möglich.
Wo man Adrian folgen kann
Sie können Adrian Locher auf LinkedIn folgen oder mehr über Merantix unter merantix.com und merantixcapital.com erfahren.
Zwei Jahrzehnte des Aufbaus
Adrian Locher bezeichnet sich vor allem als Gestalter und Erbauer. Er begann damit, mit seinem Vater Autos zusammenzubauen, dann Computer, dann Websites, schliesslich Unternehmen. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Jede Phase seiner Karriere folgte demselben Instinkt: Dinge zerlegen, verstehen, wie sie funktionieren, und etwas Neues erschaffen.
Sein erstes echtes Unternehmen war ein Software-Start-up, das er während seiner Zeit an der HSG St. Gallen gründete. Daraus entstand schliesslich DeinDeal, die Schweizer E-Commerce-Plattform, die er 2010 mitbegründete und vor der Übernahme durch Ringier auf über 100 Millionen Franken Umsatz brachte. Nach dem Verkauf gönnte sich Adrian ein Sabbatical mit einer einzigen Regel: Keine geschäftlichen Entscheidungen. Er hatte sich zwölf Monate vorgenommen und schaffte es nach etwa zehn Monaten, das nächste Kapitel aufzuschlagen.
Diese Pause führte schliesslich zur Gründung von Merantix.
Die Weichenstellung im Silicon Valley
Das Sabbatical führte ihn nach San Francisco, wo das Thema KI bereits die Gespräche dominierte, noch bevor es in der Schweiz richtig ankam. Adrian war fasziniert, besuchte Machine-Learning-Kurse an der Stanford University und gelangte zu einer Erkenntnis, die seine Arbeit für das nächste Jahrzehnt prägen sollte.
„Ich dachte und denke immer noch, dass dies die prägende Technologie des Jahrhunderts sein wird, nicht des Jahrzehnts, sondern des Jahrhunderts.“
2016 gründete er Merantix in Berlin, zusammen mit Rasmus, den er zufällig auf einem Flug im Gespräch mit einem Fremden kennengelernt hatte. Heute ist die Plattform ein hybrider KI-Venture-Studio und Investmentfonds mit einem KI-Campus in Berlin, auf dem 1'500 Machine-Learning-Spezialisten arbeiten, einem Partner-Hub in London, einem Beratungszweig und einem Portfolio, das von Diagnostik und Cybersicherheit bis hin zu Materialforschung und industrieller KI reicht.
Teams aufbauen, die unter Druck standhalten
In zwei Jahrzehnten und bei mehr als zehn Unternehmen hat Adrian eine klare Philosophie für die Personalsuche und den Teamaufbau entwickelt. Fachwissen ist wichtig, aber es ist nicht die entscheidende Variable für den Erfolg.
„Die einzige Sache, bei der es keine Vielfalt geben sollte, sind die Werte.“
Sein persönlicher Test ist einfach: Würde er mit dieser Person in den Urlaub fahren? Würde es ihm Spass machen? Wenn die Antwort Nein lautet, wird die Arbeitsbeziehung nicht halten. Die Kunst besteht darin, bei dieser Antwort ehrlich zu sein, besonders unter Zeitdruck bei der Rekrutierung.
Als Adrian und Rasmus entschieden, eine Zusammenarbeit zu prüfen, wendeten sie dasselbe Prinzip an. Sie verbrachten sechs bis acht Monate in einer Phase, die Adrian als „Gründer-Dating“ bezeichnet. Sie arbeiteten ohne feste Verpflichtung an Projekten, entwarfen eine schriftliche Vereinbarung für Eventualitäten und besiegelten die Partnerschaft erst danach formell.
„Man muss mit seinem Mitgründer stressige Situationen durchlebt haben, um zu sehen, wie die Menschen reagieren, und um ihr Verhalten in den eher unbewussten Momenten kennenzulernen.“
Intuition als strategisches Werkzeug
Einer der interessantesten Aspekte des Gesprächs war Adrians Plädoyer für die Intuition. Er sieht sie nicht als Gegenteil von rationalen Entscheidungen, sondern als Ergänzung und möglicherweise als die stärkere der beiden Kräfte.
„Der rationale Teil des Gehirns verarbeitet eigentlich nur kleine Datenmengen. Das, was die Menschen als Bauchgefühl bezeichnen, verarbeitet grosse Datenmengen. Es sagt einem sehr viel, selbst wenn man nicht sofort versteht, warum sich etwas nicht richtig anfühlt.“
Für Adrian hat Intuition nichts mit Mystik zu tun. Sie ist Mustererkennung, die über Jahre hinweg aufgebaut wurde und schneller abläuft, als das bewusste Denken formulieren kann. Die Herausforderung besteht darin, ihr zu vertrauen, ohne die Fakten zu ignorieren, und beide Komponenten zu verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Sein allgemeines Prinzip für Entscheidungen lautet: „Eine Entscheidung zu treffen, ist am Ende immer besser, als keine zu treffen.“
Was ein KI-Unternehmen zukunftssicher macht
Adrians Investitionsthese bei Merantix beruht auf einem bewusst provokanten Ausgangspunkt: Man muss annehmen, dass Technologie zur Standardware wird. Man muss davon ausgehen, dass KI in fünf Jahren billig und überall verfügbar sein wird.
Was macht ein Unternehmen dann noch zukunftssicher?
Für Adrian liegt die Antwort selten in der Technologie selbst. Es ist das zugrunde liegende Geschäftsmodell, Kundenbindungen und die Integration in die Arbeitsabläufe der Kunden. Er nennt das Beispiel Cambrium, ein Portfolio-Unternehmen von Merantix in Berlin, das Biomaterialien mittels maschinellem Lernen und Protein-Engineering herstellt. Was Cambrium zukunftssicher macht, ist nicht die KI-Technologie hinter dem System, auch wenn diese beeindruckend ist. Es ist die Tatsache, dass die produzierten Materialien teilweise zwei-, fünf- oder tausendmal stärker sind als alles, was derzeit auf dem Markt existiert.
„Unsere Kernannahme und Investitionsthese ist immer, dass ein Unternehmen zukunftssicher sein und einen klaren Wettbewerbsvorteil haben muss, selbst wenn diese Spitzentechnologie irgendwann zur Standardware wird.“
Warum sich Europa selbst bremst
Das Gespräch kam unweigerlich auf Europa zurück. Adrians Ansicht ist direkt: Die Talente sind hier. Die Institutionen sind Weltklasse. Das Kapital ist vorhanden, zumindest in der Frühphase. Was fehlt, ist Mut.
„Dass wir nicht mutig genug sind, dass wir nicht bereit sind, Fehler zu machen, und dass wir uns selbst belügen, dass alles glatt laufen wird, das bringt uns in eine sehr gefährliche Position.“
Er argumentiert, dass europäische Institutionen unter der Annahme aufgebaut wurden, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind. Diese Annahme war schon immer falsch, aber in einer Phase des schnellen technologischen Wandels wird sie aktiv gefährlich. Wohlstand wird durch Innovation gesichert, nicht durch das Verwalten des Status quo.
Seine Haltung zur Regulierung folgt derselben Logik: Anwendungen regulieren, nicht die zugrunde liegende Technologie. Man sollte sich auf die Bereiche konzentrieren, in denen Europa bereits stark ist, insbesondere das Gesundheitswesen, die hochentwickelte Fertigung und regulierte Industrien.
Fehler als Fortschritt nutzen
Adrian spricht offen über Misserfolge, was bei Gründern in seiner Position seltener ist, als es sein sollte. Er romantisiert es nicht.
„Es fühlt sich beschissen an. Und das ist okay. Ich werde Scheitern nicht glorifizieren, denn es fühlt sich einfach beschissen an.“
Was er in zwanzig Jahren gelernt hat, ist nicht, dass Scheitern gut ist. Sondern dass die Reaktion darauf der einzige Teil der Gleichung ist, den man voll unter Kontrolle hat. Dinge passieren. Märkte verändern sich. Entscheidungen erweisen sich im Nachhinein als falsch. Die einzige konstante Variable ist, wie man reagiert.
Er erzählte die Geschichte eines frühen MP3-Player-Geschäfts während der Universitätszeit. Das Team hatte die Stückkosten falsch berechnet und monatelang bei jedem Verkauf Geld verloren, ohne es zu merken. Als sie es bemerkten, musste das Unternehmen geschlossen werden. Eine teure Lektion, reale Kosten, aber eine nützliche Erfahrung.
Auf dem Boden bleiben
Für jemanden, der eine Venture-Plattform mit mehreren Initiativen, einem Unternehmensportfolio und eine Familie mit kleinen Kindern managt, ist die Frage, wie man die Balance hält, nicht theoretisch.
Für Adrian gibt es drei Bereiche: Familie und Freunde, das Geschäft und man selbst. Den Bereich für sich selbst hat er früher vernachlässigt. Heute sieht er ihn als Fundament, nicht mehr als Nebensache.
„Ich muss für mich selbst sorgen, bevor ich für andere da sein kann.“
Er vergleicht Gründer mit Sportlern. Es gibt drei Phasen: Training, Wettkampf und Erholung. Jeder gute Sportler weiss, dass das Auslassen einer dieser Phasen unweigerlich zu Leistungseinbussen führt. Die dritte Phase ist diejenige, die die meisten Gründer wegzulassen versuchen.
Der Ratschlag
Adrian hat diese Frage schon oft gehört, und seine Antwort ist immer dieselbe.
„Mach es einfach. Was auch immer du aufbauen möchtest, mach es einfach. Unabhängig davon, ob es scheitert oder nicht: Es wird dir helfen, deinen Weg viel schneller zu finden, als wenn du es nicht tust.“
Der zweite Teil des Rats ist schwieriger: Lerne dich selbst kennen. Verstehe, wofür du brennst, worin du gut bist und wofür du bereit bist, die Arbeit zu investieren. Ohne dieses Fundament ist Spitzenleistung nicht erreichbar. Mit ihm ist fast alles möglich.
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© 2026. Alle Rechte vorbehalten.
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